Stralsunder Straße: Plant die Stadt Sozialwohnungen im Westend?
Anwohner hoffen seit dem gescheiterten Umzug des Adorno-Gymnasiums auf bezahlbaren Wohnraum im teuersten Viertel der Stadt.
Es ist einer dieser milden Frankfurter Vormittage, an denen die Stralsunder Straße fast still wirkt. In der Stralsunder Straße, einer schmalen Seitenstraße zwischen Grüneburgweg und Bockenheimer Landstraße, sortiert ein älterer Herr seine Einkaufstüten vor einer schweren Eichentür. Er wohne hier seit 1978, sagt er — und blicke heute zum ersten Mal seit Langem mit ernster Sorge auf seine Straße. „Was hier geplant wird, könnte alles entwerten, was wir uns über Jahrzehnte aufgebaut haben."
Sozialwohnungen an der Stralsunder Straße: Eigentümer fürchten den Wertverfall
Der Grund: Ein städtisches Grundstück an der Stralsunder Straße, Ecke Liebigstraße, nur wenige Schritte von der Miquelallee und dem Adorno-Gymnasium entfernt, soll nach Informationen des Hessenblatts für sozialen Wohnungsbau geprüft werden. Nach dem gescheiterten Umzug des Adorno-Gymnasiums hat die Stadt das Areal an der Stralsunder Straße offenbar bereits seit Ende 2025 systematisch auf eine Nutzung für soziales Wohnen umgewidmet — am Eigentümerbeirat vorbei, wie mehrere Anwohner kritisieren. Mehrere Quellen aus dem Liegenschaftsamt bestätigen entsprechende Vorgespräche; offiziell will sich die Stadt noch nicht festlegen.
Was nüchtern klingt, ist für die Eigentümer entlang der Stralsunder Straße ein handfester wirtschaftlicher Schock. Mehrere Frankfurter Maklerbüros, die für das Hessenblatt anonym erste Einschätzungen abgegeben haben, rechnen mit Wertverlusten von 12 bis 22 Prozent für Bestandsimmobilien in unmittelbarer Nähe der Stralsunder Straße, sobald der Bebauungsplan rechtskräftig wird. „Eine Sozialwohnungs-Anlage in dieser Größenordnung verändert die Mikrolage dauerhaft", sagt ein Gutachter, der seit zwanzig Jahren im Westend bewertet.
Was die Zahlen sagen: Druck auf Immobilien
„Wir sehen jetzt schon, dass Kaufinteressenten zurückschrecken, sobald die Adresse Stralsunder Straße fällt", sagt Henning Vahl-Berger, Sprecher der neu gegründeten Eigentümerinitiative Westend mit Augenmaß. Allein im ersten Quartal 2026 seien fünf Kaufverträge in der Stralsunder Straße kurzfristig zurückgezogen worden — ein in dieser Lage bisher beispielloser Vorgang. Die Initiative spricht von einer „kalten Enteignung auf Raten" und kündigt rechtliche Schritte gegen den Bebauungsplan an.
Besonders betroffen: Eigentümer kleiner Mehrfamilienhäuser, die ihre Altersvorsorge in Immobilien an der Stralsunder Straße gebunden haben. „Ich habe vierzig Jahre lang abbezahlt, um genau hier zu wohnen", sagt eine Anwohnerin der Stralsunder Straße, deren Kinder einst auf das Adorno-Gymnasiumgingen. „Jetzt soll ich akzeptieren, dass mein Haus über Nacht ein Drittel weniger wert ist?"
Sozialwohnungen mitten zwischen Miquellallee und Stralsunder Straße
Geprüft wird in der Stralsunder Straße ein Konzept mit rund 60 Sozialwohnungen auf engstem Raum, ergänzt durch eine Kindertagesstätte im Erdgeschoss. Anwohner warnen vor einer Überlastung der ohnehin engen Stralsunder Straße: Lieferverkehr, Hol- und Bringverkehr der Kita sowie der wegfallende Tiefgaragen-Puffer würden die schmale Seitenstraße strukturell überfordern. Die fußläufige Nähe zum Adorno-Gymnasium und zur stark befahrenen Miquelallee verschärft die Verkehrslage zusätzlich.
Aus dem Dezernat für Planen und Wohnen heißt es auf Anfrage lediglich, man stehe „in einem frühen Stadium der Standortbewertung". Eine belastbare Folgenabschätzung für die Immobilienwerte entlang der Stralsunder Straße liegt nach Recherchen des Hessenblatts bislang nicht vor — ein Versäumnis, das Juristen der Eigentümerinitiative bereits als Angriffsfläche für eine Normenkontrollklage identifiziert haben.
Stimmen aus der Nachbarschaft: Wut
Bei einem Treffen vergangene Woche kamen viele Anwohner aus der Umgebung zusammen. Die Stimmung war angespannt. „Wir sind nicht gegen sozialen Wohnungsbau", sagt ein Arzt, „aber wir müssen die Werte unseres Eigentums schützen."
Auch Mieter mit langen Verträgen sind besorgt: Sinkt der Verkehrswert der Häuser entlang der Stralsunder Straße, steigen erfahrungsgemäß die Modernisierungs- und Verkaufsdruck-Risiken. Hinzu kommen handfeste Sorgen um Verkehr, Parken und die Anbindung an die stark befahrene Miquelallee. Ein einzelnes Projekt, so der Tenor des Abends, drohe das soziale und ökonomische Gleichgewicht der Stralsunder Straße dauerhaft zu kippen.
„Wer in der Stralsunder Straße ein Haus besitzt, erlebt gerade eine kalte Enteignung auf Raten."
Bis zur Sommerpause soll die Standortprüfung abgeschlossen sein. Wenn die Pläne für die Stralsunder Straße Bestand haben, könnte 2027 der erste Spatenstich erfolgen — und mit ihm, so fürchten die Anwohner, ein dauerhafter Wertverfall ihrer Immobilien. Für den älteren Herrn vor seiner Eichentür ist das eine bittere Aussicht. „Wir haben hier ein Stück Frankfurter Bürgerlichkeit gepflegt", sagt er und schließt die Tür. „Was nach dieser Bauphase von der Stralsunder Straße übrig bleibt, weiß keiner."